Inhaltsstoffe von Medikamenten mitverantwortlich für Pilzvergiftungen?

Frage von Frau Eva Tüngler, Pilzsachverständige in Zwickau:

Schon seit einigen Jahren frage ich mich, ob Nebenwirkungen bzw. Inhaltsstoffe von Medikamenten, die dauerhaft oder nur vorübergehend eingenommen werden, Mitursache von Pilzvergiftungen, insbesondere vom häufigen Gastrointestinalen Syndrom sein könnten?

Antwort:

Diese Frage weist auf das bisher weitgehend vernachlässigte Problem des Pilzverzehrs unter Medikamenteneinwirkung hin, wenn man von der gut bekannten „Antabus“ – Reaktion nach dem Genuss alkoholhaltiger Getränke oder Medikamente und Faltentintlingen (Coprinopsis atramentaria) absieht. Leider wird in den Berichten der Pilzsachverständigen, aber auch in der einschlägigen Literatur, nur selten nach einer Medikamenteneinnahme gefragt und ihr möglicher Einfluss auf die Vergiftungssymptomatik erörtert.

Dabei ist von vielen Pharmaka eine die Vergiftung verstärkende oder auch abschwächende Wirkung zu erwarten: Unter dem Einfluss von Cholinergika (Medikamente, die u.a. in der Urologie, bei Demenz und Muskelerkrankungen eingesetzt werden) ist eine Zunahme gastrointestinaler Symptome zu erwarten.

Sympathomimetika, Adrenalinverwandte und atropinartige Substanzen (Medikamente mit breiter Anwendung in der Inneren Medizin, Anästhesiologie, Gynäkologie)  werden die Symptomatik einer Fliegen –  und Pantherpilzvergiftung und von weiteren halluzinogenen Pilzen potenzieren.

Auch MAO – Hemmer, die gegen Depressionen und Angststörungen und bei der Parkinsonschen Krankheit verordnet werden, können bewirken, dass sich auch sehr geringe Mengen aufgennommenen Psilocybins bemerkbar machen, oder, dass die Psilocinwirkung erheblich, mit u.U. schwerwiegenden Folgen, verlängert wird. Mittel gegen Bluthochdruck können hypotone Reaktionen verstärken und bis zum Kreislaufzusammenbruch führen.

In den letzten Jahren hat sich der Verdacht erhärtet, dass auch Hormonpräparate („Antibabypille“, Mittel gegen klimakterische Beschwerden, Migränemittel)  aber auch Magenschutzmedikamente z.B.“Säureblocker“ allergogen wirken könnten.

Die von Frau Tüngler gestellte Frage ist besonders interessant auch im Hinblick auf die oft ungeklärt bleibenden „individuellen Unverträglichkeiten“, also Pilzvergiftungen nach dem Genuss üblicher Speisepilze, die nur bei wenigen Personen und auch nicht jedes Mal Vergiftungserscheinungen auslösen.

Eine denkbare Erklärung ist der von den Nahrungsmittelallergien bekannte Summationseffekt: Das Allergen (Pilzeiweiß) allein verursacht keine Symptomatik. Erst in Kombination mit anderen Faktoren, den Summationsfaktoren, kommt es zu Symptomen. Es ist bekannt, dass auch Medikamente, z.B. nichtsteroidale Schmerzmittel, ß-Blocker und ACE – Hemmer  Summationsfaktoren sein können.

Allergologen unterscheiden eine IgE – vermittelte Sofort –  von einer nicht IgE – vermittelten Spätreaktion (Latenz > 2 Std.). Symptome einer IgE – Nahrungsmittelallergie vom Soforttyp (Latenz < 2 Std.) sind überwiegend Hauterscheinungen mit Juckreiz, Rötung und Nesselsucht. Heiserkeit, Schwellungen von Rachen und Kehlkopf und Atemnot können wie eine Anaphylaxie  lebensbedrohlich sein.

In 20% der Fälle kommt es zu Brechreiz, Erbrechen, Bauchschmerzen, Koliken und Durchfall –  also zu Symptomen des Gastrointestinalen Syndroms.

Viele offene Fragen, die diese Probleme betreffen, sind ein Grund für meine Bitte an die Pilzsachverständigen, mir  z e i t n a h   schwere, ungewöhnliche, neuartige und unerwartete Pilzvergiftungen, aber auch Fälle, bei denen die erwartete Giftwirkung ausgeblieben ist, zu melden, damit ich ggf. noch Kontakt zu den behandelnden Ärzten aufnehmen kann.

Literatur:

Trautmann, A: Allergiediagnose – Allergietherapie;  Thieme, Stuttgart, New York, 2006

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