Vergiftungsberichte

Ich danke allen Pilzberatern und-sachverständigen für ihre Vergiftungsmeldungen im letzten Jahr und bitte, mir auch weiterhin möglichst zeitnah schwere, ungewöhnliche, seltene, bisher unbekannte und durch Neomyceten hervorgerufene Vergiftungen, auch Verdachtsfälle zu melden.

Nebelgrauer Trichterling (Clitocybe nebularis)

Clitocybe nebularis (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Nebelgrauer_Trichterli

Herr Georg Schabel, Gerstetten, schilderte eine Vergiftung mit Nebelgrauen Trichterlingen. Eine Frau hatte sie am Nachmittag gesammelt, ungenügend gekocht, auch das Kochwasser nicht weg geschüttet und um 18.30 Uhr zusammen mit ihrem Ehemann verspeist. Gegen 20 Uhr wurde sie wegen heftigen Erbrechens im Krankenhaus aufgenommen, wo man ihr ein Beruhigungs- und ein Mittel gegen Erbrechen(!) gegeben habe. Erst gegen 23 Uhr wurde der Pilzsachverständige zugezogen, der die Frau „bleich wie eine Tote“ vorfand.

Parasol (Macrolepiota procera)

Macrolepiota procera

Herr Karl-Heinz Johe, Gaildorf-Eutendorf, schilderte ebenfalls eine individuelle allergische Reaktion vom Soforttyp einer Frau nach Genuss gut gegarter „panierter Schnitzel“ aus Parasolhüten. Eine Stunde nach der Mahlzeit traten heftige Unterbauchschmerzen, Hitzewallungen und Schüttelfrost auf, kein Erbrechen oder Durchfall. Zuletzt hatte die Betroffene „Parasolschnitzel“ 2 Jahre zuvor ohne Probleme verspeist. Eine allergische Disposition war bisher nicht bekannt.

Speisemorchel (Morchella esculenta)

Morchella esculenta (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Speisemorchel)

Herr Günther Schier, Dassel, berichtete die Vergiftung von vier Familienangehörigen, die Ende Mai nach ihren Angaben eine „Unmenge an Morcheln“ gesammelt und alle am Abend verspeist hatten. Am schwersten betroffen war die Schwiegertochter, die etwa 12 Stunden nach der Mahlzeit Schwindel, Mattigkeit und Unwohlsein verspürt und dann unter der Dusche „zusammengebrochen“ sei. Vater und Sohn hatten Schwindel und Gehstörungen, die Mutter auch Durchfall. Auf Grund der langen Latenz befürchtete der PSV zu Recht zunächst ein Gyromitra-Syndrom.

Spitzmorchel (Morchella conica)

Morchella conice (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Spitzmorchel)

Frau Gudrun Rüdell, GIZ- Nord, Göttingen, teilte mir ein gastrointestinales Syndrom, das mit Übelkeit nach einer und mehrfachem Erbrechen nach drei Stunden, aber ohne neurologische Symptomatik einher ging, mit. Das betroffene Ehepaar hatte sich ein Gericht aus getrockneten Spitzmorcheln, im Handel bezogen, zubereitet.

Vergiftungen mit Amanita

Amanita phalloides

Im letzten ungewöhnlich pilzreichen Herbst kam es zu einer Häufung auch schwerer Vergiftungen. Ende September wurde von der Berliner Charité die Behandlung von sieben Knollenblätterpilz-Vergiftungen gemeldet. Harry Andersson berichtete über eine tödlich verlaufene Grüne Knollenblätterpilz-Vergiftung einer 69-jährigen Frau aus Osteuropa. Weitere Amanitinvergiftungen wurden mir von Frau Hermine Lotz-Winter, Mörfelden-Walldorf (2 Kinder) und von Maren Kamke, Kiel (Ehepaar und 9-jähriger Sohn) mitgeteilt.

Gespornt sporige Schirmlingsart (Lepiota spez., Sektion Stenosporae)

Frau Hermine Lotz-Winter, Mörfelden-Walldorf, wurde von einer Kinderklinik mit der Untersuchung eines 4 qcm großen Pilzfragmentes beauftragt, das die Mutter ihrer eineinhalb jährigen Tochter aus dem Mund entfernt und in einer Plastiktüte aufbewahrt hatte. 36 Stunden nach diesem Ereignis waren Durchfälle aufgetreten, die die Mutter veranlasst hatten, mit dem Töchterchen die Klinik aufzusuchen. Die PSV konnte an dem bereits in Zersetzung begriffenen Pilzstückchen noch Lamellen erkennen.

Großer Stachelschirmling (Lepiota aspera)

L. aspera (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Lepiota_aspera)

Herr Volker Buch, Langen und Herr Manfred Lorenz, Jonsdorf, berichteten über ein „Antabus-Syndrom“ mit klassischem Verlauf und Ausprägung nach Genuss von Stachelschirmlingen und Alkohol bei einem Ehepaar und einer Einzelperson. Den ersten mir bekannt gewordenen Fall eines Ehepaares hat Erhard Ludwig, Berlin, 2009 beschrieben (Der Tintling, 61, S. 69). Auf einer Fortbildungsveranstaltung der GIZ-München im November 2010 teilte mir Frau Bettina Haberl, München, zwei weitere Vergiftungen aus dem Jahre 2010 mit. Alle Betroffenen hatten die Stachelschirmlinge mit Parasolen verwechselt.

Röhrlinge und Rauhstielröhrlinge (Leccinum spez.)

Herr Horst Staub, Mannheim, schilderte den Fall eines 29-jährigen Italieners, der einige Wochen zuvor Pilze gesammelt und tiefgefroren hatte. Nach Verzehr der Pilze klagte er über heftigstes Brennen im Mund und Rachen, gefolgt von Herzrasen und Kaltschweissigkeit. Übelkeit, Erbrechen und Durchfall wurden verneint. Wegen erhöhter Leberwerte wurde in der Klinik das Phalloides – Programm eingeleitet. Nachdem kein weiterer Anstieg der Transaminasen erfolgte, Amanitin im Urin negativ war und es dem Patienten wieder gut ging, wurde die Silibinin-Therapie beendet.

Eine Vergiftung mit Scleroderma Verrucosum (Bull.) Pers. 1801

Scleroderma Verrucosum (Bull.) Pers. 1801 (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/

Anschrift der Autorin: Rosemarie Kießling, Wilh.-v.-Polenz-Str. 21, 02625 Bautzen

Blaugrünverfärbender Kahlkopf (Psilocybe cyanescens):

Psilocybe cyanescens (Quelle: http://en.wikipedia.org/wiki/Psilocybe_cyanescens)

Herr Frank Demmler, Lauter/Sa., berichtete über die Vergiftung einer Frau im Oktober 2009 mit Blaugrünverfärbenden Kahlköpfen, die sie in ihrem Garten (auf Rindenmulch?) gefunden und davon eine Handvoll als „Stockschwämmchen“ (!) gebraten und gegessen hatte. Nach einer ¾ Stunde verspürte sie Unwohlsein, Benommenheit, einen trockenen Mund und sie habe viele farbige Ringe kreisen gesehen. Im Krankenhaus wurde der Magen ausgepumpt. Etwa 4 ½ Stunden nach der Pilzmahlzeit sei sie wieder stabil und voll ansprechbar gewesen und konnte am nächsten Tag beschwerdefrei entlassen werden.

Kahler Krempling (Paxillus involutus)

Paxillus involutus

Herr Fritz Krauch und Ehefrau, Bad Wünnenberg, und ich waren bereits im Februar diesen Jahres mit Pilzvergiftungen befasst. Drei Russlanddeutsche, Vater, Tochter und Sohn hatten im Herbst gesammelte und sauer eingelegte „Pfifferlinge“ verzehrt. Wegen vermeintlichem Schwangerschaftserbrechen wurde die 22 jährige gravide Frau zunächst in der Frauenklinik untersucht und erst nach mehreren Stunden in eine Innere Abteilung verlegt. Sie litt ebenso wie ihr Bruder, der zu Hause geblieben war, an einem vorübergehenden gastrointestinalen Syndrom ohne Folgen.

Speisemorchel (Morchella esculenta)

Morchella esculenta (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Speisemorchel)

Herr Dr. Leopold Schrimpl, Emmendingen, berichtete über ein sehr ausgeprägtes neurologisches Syndrom ohne gastrointestinale Beteiligung eines 53-jährigen Mannes nach einer ausgiebigen Mahlzeit gut gegarter frischer Speisemorcheln aus einem Auwald. Dort sammle er sie seit 10 Jahren und habe sie immer gut vertragen.

Frau Maren Kamke, Kiel, meldete die Vergiftung von zwei älteren Personen, die eine größere Menge überständiger Speisemorcheln ohne Alkohol verspeist hatten und ein kombiniertes gastrointestinales und neurologisches (Kleinhirn-) Syndrom boten.

Pantherpilz (Amanita pantherina)

A. pantherina (Quelle: de.wikipedia.org, Nutzer: Strobilomyces)

Herr Georg Simrock, Fuldabrück, musste sich um die sehr schwere Vergiftung einer Frau kümmern, die nach seiner Untersuchung von Pilzresten in einem Abfalleimer Pantherpilze verzehrt und bewusstlos auf die Intensivstation eines Krankenhauses gebracht worden war. Nach 3 Tagen konnte sie auf eine Normalstation verlegt werden.

Gifthäubling (Galerina marginata)

Gifthäubling  (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Galerina_marginata)

Herr Karl-Heinz Joke, Gaildorf, konnte auf Grund mikroskopischer Untersuchung des Erbrochenen von Vater und 10-jährigem Sohn und noch vorhandener Putzreste neben verschiedenen Speisepilzen Galerina marginata nachweisen. Beide Patienten erhielten Silibinin-Infusionen und Aktivkohle und konnten nach einigen Tagen beschwerdefrei entlassen werden.

Spindeliger Rübling (Gymnopus fusipes)

Gymnopus fusipes (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Spindeliger_R%C3%BCbling)

Herr Jesko Kleine aus Leipzig, berichtete über zwei schwere, nach Latenzzeiten von 5 und 7 Stunden aufgetretene gastrointestinale Vergiftungen (3 Tage Intensivstation). Die Angaben in den gängigen Pilzbüchern reichen von essbar über ungenießbar bis giftig (kurze Mitteilung im Tintling Nr.60, S.76, 2009).

Spindelfüßiger Egerling (Agaricus bohusii)

Herr Peter Roland, Leipzig, war mit einer Vergiftung durch den Spindelfüßigen Egerling befasst. 3-3,5 Stunden nach dem Verzehr der gedünsteten Pilze kam es zu einem sehr heftigen gastrointestinalem Syndrom begleitet von Ohrensausen und Zittern. Vermutlich handelt es sich um eine individuelle Unverträglichkeit, da bisher über die Giftigkeit dieses Pilzes nichts bekannt ist. Auch die Französische Gesellschaft für Mykologie stuft A. b. als Speisepilz ein.

Neurologisches Syndrom nach Morchelgenuss

Morchella esculenta (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Speisemorchel)

Bericht des Komitees zur Koordination, Beobachtung und Bewertung von Vergiftungen (1976 – 2007), in freier Übersetzung aus dem französischen zusammengefasst und kommentiert:

Starke Schmerzen nach Genuss von Clitocybe amoenolens (Parfümierter Trichterling)

Clitocybe amoenolens

Aus Frankreich wurde kürzlich ein für Europa gänzlich neues Vergiftungssyndrom berichtet (SAVIUC et al. 2001), das Acromelalgie-Syndrom.
Es wird durch Clitocybe amoenolens (Parfümierter Trichterling) ausgelöst und entspricht der Erythromelalgie.

Nierenschäden durch Amanita proxima, dem Ockerscheidigen Eierwulstling

Amanita proxima ähnelt dem Eierwulstling (Amanita ovoidea), der im Mittelmeergebiet ein begehrter Speisepilz ist. Inzwischen sind ca. 60 Vergiftungsfälle bekannt geworden, die vermutlich durch Amanita proxima ausgelöst wurden. Alle Vergiftungen traten in Frankreich auf.

Erblinden nach Pilzgenus

Von einem sehr bizarren Vergiftungsfall berichtet ebenfalls die Toxikologische Abteilung der TU München (Dr. med Pfab Vortrag beim Verein für Pilzkunde München).

Die Vergiftung trat in Süddeutschland auf. Eine Frau hat einen ihr unbekannten Pilz mit weißem Hut (Lamellenfarbe unbekannt), wie sie angab, verzehrt, da sich ein mitgekochter Silberlöffel nicht verfärbte. Die Symptome waren Erblinden (!) und Nierenschäden. Die Erblindung war reversibel, jedoch ist die Betroffene seitdem Rot-Grün-blind.

Eine Vergiftung einer Schafherde durch Stropharia Coronilla (Bull.) Quél. (1872) (Krönchenträuschling)

Stropharia Coronilla (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Kr%C3%B6nchentr%C3%A4

Anschrift der Autorin: Rosemarie Kießling, Wilh.-v.-Polenz-Str. 21, 02625 Bautzen

Das Ereignis

Am 3.7.2007 hatte ich eine Pilzberatung der besonderen Art, die meinen Glauben daran, dass Tiere wissen, was gut für sie ist und was nicht, schwer erschüttert hat.

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