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Walter Pätzold
Mit einer Serie von Artikeln wird versucht, Themen von praktischer Bedeutung
für Pilzsachverständige in den Vordergrund zu heben, die in
der Praxis regionaler Weiterbildung für Pilzsachverständige
bisweilen nicht oder nicht ausreichend behandelt werden. Auch Bereiche
der Mikroskopie, des Landschaftsschutzes oder der Ernährungsphysiologie,
die den erforderten Kenntnisstand überschreiten, sollen in späteren
Folgen behandelt werden.
1. Genese von Pilzvergiftungen, Verwechslungsgefahren.
Der Grundfehler sehr vieler Sachverständiger besteht darin, daß
sie mit potentiellen Gefahren konfrontiert, den eigenen, oft sehr hoch
eingeschätzten Kenntnisstand und das eigene Verantwortungsgefühl
zu Grunde legen. Pilzvergiftungen, egal welcher Anamnese, setzen jedoch
ein Maß von Fahrlässigkeit voraus, wie es einem Sachverständigen
nicht unterstellt werden darf.
a) Scheinbare Verwechslungen:
Am häufigsten hört man von Verwechslungen zwischen "Knollenblätterpilzen"
und "Champignons". Dabei kann bei näherem Hinterfragen
zum Geschehen meist weder die Gestalt der "Champignons" noch
die der "Knollenblätterpilze" soweit beschrieben werden,
daß auch nur annähernd ein Hinweis auf Kenntnisse der Gattungen
Agaricus oder Amanita auszumachen wäre. Auf die Frage, ob es unter
rund 50 Champignonarten 10, 5 oder nur eine "grüne Sorte"
gäbe, antwortete die Mehrheit einer Schulklasse z.B. "nur eine
grüne Sorte". Keiner stellte die Existenz grüner Champignons
in Frage! Die Begriffe "Champignon" und "Knollenblätterpilz"
haben sich, weil in aller Munde, verselbständigt und werden als leere
Worthülsen dem tatsächlichen Geschehen aufgesetzt. Sie werden
sozusagen als "Schuldige" betrachtet und deshalb genannt.
Im Alltag der Vergiftungen kommen bei genauer Recherche Unglaublichkeiten
zutage, wie z.B.: "Nach Schönheit der Fruchtkörper ausgewählt";
"In die engere Wahl der (Fehl-) Bestimmung kommen nur Arten, die
gut riechen", "Pilze mit Schneckenfraß sind eßbar";
"Pilze, an denen Schnecken waren, sind giftig". Selbst das Auspendeln
von Giftpilzen ist immer noch Brauch. Reagiert das Pendel nicht, wird
der Pilz näher bestimmt. Das Fatale an der Sache ist, daß das
Pendel die Artenauswahl schon auf ungiftig festgelegt hat. Jedes Geschehen
in dieser Liste mit zahlreichen weiteren erlebten Fahrlässigkeiten
bewirkt im Vergiftungsfalle natürlich Gefühle von Schuld, Scham
oder noch schlimmer von Rechthaberei.
Dies führt nicht selten zu weiterem Fehlverhalten, das die Prognose
von Erkrankten verschlechtert. Als erstes werden die Vergiftungssymptome
bagatellisiert und mit allerlei Ausreden zufälliger und fremder Ursache
erklärt. Gerade bei Vergiftungen mit organschädigenden Pilzen
klingen die ohnehin nicht obligatorischen Spontansymptome wieder ab, was
zu dem Urteil führt: "Siehste, doch alles in Ordnung.",
oder etwas leiser, "Noch mal Glück gehabt." Doch hierbei
geht wertvolle Behandlungszeit verloren!
b) Echte Verwechslungen:
Natürlich gibt es auch echte Verwechslungen zwischen Wiesenegerlingen
und unterschiedlichen Knollenblätterpilzarten, denn mit der volkseigenen
Gutgläubigkeit und Fahrlässigkeit unterschiedlichster Ursachen
kann nahezu alles mit jedem verwechselt werden. Ganz typisch z.B., daß
in schlechten Steinpilzjahren, wie heuer im Südwesten, Hallimasch
mit Stockschwämmchen verwechselt werden. Der klassische Kenner (Pfifferlinge
und ähnlich Gelbes, Steinpilze i.w.S.) trägt in gewohntem Stolz
seine Beute nach Hause oder zum Stammtisch. Doch in Jahren schlechter
Ernte werden die Hänseleien, wo denn die Pilze bleiben, lästig
und endlich im Oktober sprießen Pilze aus allen Hölzern, die
feucht liegen. Handelt es sich bei dem Holz um Baumstümpfe, also
Stöcke, ist die Diagnose Stockschwämmchen sicher, wachsen sie
jedoch zwischen nassen Brettern am Komposthaufen hervor, könnten
es auch Braunkappen sein. Das ist Beratungsalltag! Denn das erlösende
Gefühl "endlich Pilze", vernebelt jedes Rudiment "vererbter"
oder angelesener Grundkenntis.
Nicht immer gehen die Fahrlässigkeiten von solcherart unter Druck
geratenen "Kennern" oder anders motivierten Selbstüberschätzungen
so glimpflich aus. Klassische Verwechslungen, die in jüngerer Zeit
auch zu schweren Vergiftungen bzw. zum Tode geführt haben sind:
| Spitzgebuckelter Rauhkopf |
Kupferroter Gelbfuß |
| (Cortinarius rubellus = C.speciosissimus, C.orellanoides) |
(Chroogomphus rutilus, C. helveticus) |
| noch geschlossene Fruchtkörper |
noch geschlossene Fruchtkörper |
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| Löwengelber Rauhkopf |
Goldröhrling |
| (Cortinarius limoneus) |
(Suillus grevillei) |
| noch geschlossene Fruchtkörper |
noch geschlossene Fruchtkörper |
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| Schöngelber bzw. Dottergelber Klumpfuß |
Grünling |
| (Cortinarius splendens incl.ssp.meinhardi, C.vitellinus) |
(Tricholoma auratum, equestre, flavovirens) |
| abgeschnittene Fruchtkörper |
abgeschnittene Fruchtkörper |
Die große Verwechslungsgefahr bei diesen drei Artengruppen wurde
durch nachgestellte Versuche in Seminar-Gruppen der Schwarzwälder
Pilzlehrschau bestätigt.
Weitere Verwechslungen mit Vergiftungsfolge wurden bekannt von:
| Schwefelporling |
Zimtfarbener Weichporling |
| (Laetiporus sulphureus) |
(Hapalopilus nidulans/rutilans) |
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| Orangefuchsiger Rauhkopf |
Amethystpfifferling |
| (Cortinarius orellanus) |
(Cantharellus cibarius var. amethystea) |
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| Gilbender Erdritterling |
Tigerritterling |
| (Tricholoma argyraceum, scalpturatum) |
(Tricholoma pardalotum, pardinum) |
Viele Pilzvergiftungen rühren jedoch nicht von solcherart Verwechslung
oder Sorglosigkeit her, sondern passieren aus Versehen. Da werden im Sammeleifer
einfach kleinere Rißpilze (Inocybe sp.), Rettichhelmlinge (Mycena
pura incl. var.rosea) und alles mögliche eingesammelt, unter Mißachtung
aller Zubereitungsregeln mit den abgezwickten Schwefelköpfen (Hypholoma
capnoides) ins Wasserbad geschüttet, durchgeschwenkt und in Topf
oder Pfanne geworfen. Würden Speisepilze fachgerecht einzeln gesäubert,
kämen solche Misch- (Masch-) Vergiftungen nicht vor.
Erkrankungen durch Gifthäublinge (Galerina marginata u.a.), kleine
weiße Trichterlinge (Clitocybe phyllophila u.a.), Kahle Kremplinge
(Paxillus involutus) und andere in den letzten Jahren zahlreich diskutierte
Giftpilze sind selten geworden.
Dies, wie auch die stets geringer werdenden Fälle allzugroßer
Arglosigkeit bei der Pilzernte sind sicher auch Verdienste der aktiven,
ehrenamtlich tätigen und bisher immer noch nicht staatlich anerkannten
Pilzsachverständigen.
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