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  DGfM -> Publications -> DGfM-Mittlg -> Dezember 1996 -> Fortbildung Pilzsachverständige
   
   
 

6. Jahrgang, Nr. 2 (Dezember 1996)
Beilage zur Zeitschrift für Mykologie

DGfM-Mitteilungen

für Pilzsachverständige (Pilzberater),
Mitarbeiter der PILZKARTIERUNG 2000,
pilzkundliche Arbeitsgemeinschaften und Vereine,
sowie für alle DGfM-Mitglieder

 
 

Beiträge zur Fortbildung von Pilzsachverständigen

 

Walter Pätzold

Mit einer Serie von Artikeln wird versucht, Themen von praktischer Bedeutung für Pilzsachverständige in den Vordergrund zu heben, die in der Praxis regionaler Weiterbildung für Pilzsachverständige bisweilen nicht oder nicht ausreichend behandelt werden. Auch Bereiche der Mikroskopie, des Landschaftsschutzes oder der Ernährungsphysiologie, die den erforderten Kenntnisstand überschreiten, sollen in späteren Folgen behandelt werden.

1. Genese von Pilzvergiftungen, Verwechslungsgefahren.

Der Grundfehler sehr vieler Sachverständiger besteht darin, daß sie mit potentiellen Gefahren konfrontiert, den eigenen, oft sehr hoch eingeschätzten Kenntnisstand und das eigene Verantwortungsgefühl zu Grunde legen. Pilzvergiftungen, egal welcher Anamnese, setzen jedoch ein Maß von Fahrlässigkeit voraus, wie es einem Sachverständigen nicht unterstellt werden darf.

a) Scheinbare Verwechslungen:

Am häufigsten hört man von Verwechslungen zwischen "Knollenblätterpilzen" und "Champignons". Dabei kann bei näherem Hinterfragen zum Geschehen meist weder die Gestalt der "Champignons" noch die der "Knollenblätterpilze" soweit beschrieben werden, daß auch nur annähernd ein Hinweis auf Kenntnisse der Gattungen Agaricus oder Amanita auszumachen wäre. Auf die Frage, ob es unter rund 50 Champignonarten 10, 5 oder nur eine "grüne Sorte" gäbe, antwortete die Mehrheit einer Schulklasse z.B. "nur eine grüne Sorte". Keiner stellte die Existenz grüner Champignons in Frage! Die Begriffe "Champignon" und "Knollenblätterpilz" haben sich, weil in aller Munde, verselbständigt und werden als leere Worthülsen dem tatsächlichen Geschehen aufgesetzt. Sie werden sozusagen als "Schuldige" betrachtet und deshalb genannt.

Im Alltag der Vergiftungen kommen bei genauer Recherche Unglaublichkeiten zutage, wie z.B.: "Nach Schönheit der Fruchtkörper ausgewählt"; "In die engere Wahl der (Fehl-) Bestimmung kommen nur Arten, die gut riechen", "Pilze mit Schneckenfraß sind eßbar"; "Pilze, an denen Schnecken waren, sind giftig". Selbst das Auspendeln von Giftpilzen ist immer noch Brauch. Reagiert das Pendel nicht, wird der Pilz näher bestimmt. Das Fatale an der Sache ist, daß das Pendel die Artenauswahl schon auf ungiftig festgelegt hat. Jedes Geschehen in dieser Liste mit zahlreichen weiteren erlebten Fahrlässigkeiten bewirkt im Vergiftungsfalle natürlich Gefühle von Schuld, Scham oder noch schlimmer von Rechthaberei.

Dies führt nicht selten zu weiterem Fehlverhalten, das die Prognose von Erkrankten verschlechtert. Als erstes werden die Vergiftungssymptome bagatellisiert und mit allerlei Ausreden zufälliger und fremder Ursache erklärt. Gerade bei Vergiftungen mit organschädigenden Pilzen klingen die ohnehin nicht obligatorischen Spontansymptome wieder ab, was zu dem Urteil führt: "Siehste, doch alles in Ordnung.", oder etwas leiser, "Noch mal Glück gehabt." Doch hierbei geht wertvolle Behandlungszeit verloren!

b) Echte Verwechslungen:

Natürlich gibt es auch echte Verwechslungen zwischen Wiesenegerlingen und unterschiedlichen Knollenblätterpilzarten, denn mit der volkseigenen Gutgläubigkeit und Fahrlässigkeit unterschiedlichster Ursachen kann nahezu alles mit jedem verwechselt werden. Ganz typisch z.B., daß in schlechten Steinpilzjahren, wie heuer im Südwesten, Hallimasch mit Stockschwämmchen verwechselt werden. Der klassische Kenner (Pfifferlinge und ähnlich Gelbes, Steinpilze i.w.S.) trägt in gewohntem Stolz seine Beute nach Hause oder zum Stammtisch. Doch in Jahren schlechter Ernte werden die Hänseleien, wo denn die Pilze bleiben, lästig und endlich im Oktober sprießen Pilze aus allen Hölzern, die feucht liegen. Handelt es sich bei dem Holz um Baumstümpfe, also Stöcke, ist die Diagnose Stockschwämmchen sicher, wachsen sie jedoch zwischen nassen Brettern am Komposthaufen hervor, könnten es auch Braunkappen sein. Das ist Beratungsalltag! Denn das erlösende Gefühl "endlich Pilze", vernebelt jedes Rudiment "vererbter" oder angelesener Grundkenntis.

Nicht immer gehen die Fahrlässigkeiten von solcherart unter Druck geratenen "Kennern" oder anders motivierten Selbstüberschätzungen so glimpflich aus. Klassische Verwechslungen, die in jüngerer Zeit auch zu schweren Vergiftungen bzw. zum Tode geführt haben sind:

Spitzgebuckelter Rauhkopf Kupferroter Gelbfuß
(Cortinarius rubellus = C.speciosissimus, C.orellanoides) (Chroogomphus rutilus, C. helveticus)
noch geschlossene Fruchtkörper noch geschlossene Fruchtkörper


Löwengelber Rauhkopf Goldröhrling
(Cortinarius limoneus) (Suillus grevillei)
noch geschlossene Fruchtkörper noch geschlossene Fruchtkörper


Schöngelber bzw. Dottergelber Klumpfuß Grünling
(Cortinarius splendens incl.ssp.meinhardi, C.vitellinus) (Tricholoma auratum, equestre, flavovirens)
abgeschnittene Fruchtkörper abgeschnittene Fruchtkörper

Die große Verwechslungsgefahr bei diesen drei Artengruppen wurde durch nachgestellte Versuche in Seminar-Gruppen der Schwarzwälder Pilzlehrschau bestätigt.

Weitere Verwechslungen mit Vergiftungsfolge wurden bekannt von:

Schwefelporling Zimtfarbener Weichporling
(Laetiporus sulphureus) (Hapalopilus nidulans/rutilans)


Orangefuchsiger Rauhkopf Amethystpfifferling
(Cortinarius orellanus) (Cantharellus cibarius var. amethystea)


Gilbender Erdritterling Tigerritterling
(Tricholoma argyraceum, scalpturatum) (Tricholoma pardalotum, pardinum)

Viele Pilzvergiftungen rühren jedoch nicht von solcherart Verwechslung oder Sorglosigkeit her, sondern passieren aus Versehen. Da werden im Sammeleifer einfach kleinere Rißpilze (Inocybe sp.), Rettichhelmlinge (Mycena pura incl. var.rosea) und alles mögliche eingesammelt, unter Mißachtung aller Zubereitungsregeln mit den abgezwickten Schwefelköpfen (Hypholoma capnoides) ins Wasserbad geschüttet, durchgeschwenkt und in Topf oder Pfanne geworfen. Würden Speisepilze fachgerecht einzeln gesäubert, kämen solche Misch- (Masch-) Vergiftungen nicht vor.

Erkrankungen durch Gifthäublinge (Galerina marginata u.a.), kleine weiße Trichterlinge (Clitocybe phyllophila u.a.), Kahle Kremplinge (Paxillus involutus) und andere in den letzten Jahren zahlreich diskutierte Giftpilze sind selten geworden.

Dies, wie auch die stets geringer werdenden Fälle allzugroßer Arglosigkeit bei der Pilzernte sind sicher auch Verdienste der aktiven, ehrenamtlich tätigen und bisher immer noch nicht staatlich anerkannten Pilzsachverständigen.

   
     
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