Die mykologische Systematik am Scheideweg

Molekulare Methoden haben die Pilzsystematik gewaltig vorangebracht. Die Klassifizierung auf höherem Rang ist davon besonders stark betroffen, aber auch Artabgrenzungen werden verfeinert und viele neue Arten können jetzt unterschieden werden. Während eine auf molekularen Daten beruhende Systematik die auf Morphologie basierende Systematik weitgehend zu verdrängen scheint, gefährdet die Missachtung der Morphologie die Entwicklung einer funktionierenden Pilzsystematik in entscheidendem Maße. Der relative Wert der Morphologie gegenüber der molekularen Analyse muss immer wieder neu abgewogen werden. Die dualistische Nomenklatur mit gesonderten Namen für Haupt- und Nebenfruchtformen (Teleomorphen und Anamorphen), namentlich von Ascomyceten, steht im Zeitalter der molekularen Systematik zur Debatte. Eine gänzliche Unterdrückung von Alternativnamen für zusammenhängende Fruchtformen wird aber abgelehnt, um Chaos zu vermeiden. Die dafür geltenden Nomenklaturregeln müssen allen Mykologen gerecht werden. Ungenügende Möglichkeiten der universitären Ausbildung und Berufschancen von Mykologen geben Grund zur Sorge. Die Pflege morphologischer Kenntnis obliegt nicht nur Berufsmykologen, sondern in zunehmendem Maße auch Amateurmykologen, die das Material liefern zur vertieften Analyse und gemeinsam mit oder betreut durch Berufsmykologen systematische Publikationen schreiben.
Autor: Gams, W.
Jahr: 2009
Ausgabe: Z. Mykol. 75(1)
Seiten: 3-12
gehört zu Heft: Z. Mykol. 75(1)
Schlagworte: amateur mycologists., anamorph-teleomorph relationships, Article 59 debate, DNA sequencing, dual nomenclature, morphology, phylogeny, professional prospects, professional training, taxonomy


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