Immer wieder wird, meist anlässlich von Pilzvergiftungen, durch verschiedene Behörden, Krankenhäuser, Giftinformationszentren, Medien sowie Pilzsachverständige zu Recht vor tödlich giftigen Grünen Knollenblätterpilzen gewarnt. Insbesondere aber im Zusammenhang mit Knollenblätterpilz-Vergiftungen von Neubürgern aus Osteuropa ist immer wieder von den o. a. Institutionen die Aussage zu lesen oder zu hören, dass in ihrem Herkunftsland angeblich essbare Pilze wachsen sollen, die dem hier wachsenden, giftigen Grünen Knollenblätterpilz so sehr gleichen, dass sie kaum zu unterscheiden sind und es deshalb immer wieder zu Verwechslungen und damit zu Vergiftungen kommt.

Seit 2015 wird die gleiche Aussage über die nahezu identischen Pilzen auch im Zusammenhang mit Flüchtlingen, insbesondere von Menschen aus Syrien, kolportiert.

Das alles ist eine nicht belegte Legende. Als welche essbare Art tarnt sich denn unser Grüner Knollenblätterpilz derart heimtückisch, dass er sowohl essbaren Pilzen in Russland als auch in Syrien so sehr gleicht? Die Welt der Mykologen und Pilzfreunde ist seit langem dicht vernetzt. Welchen Namen trägt der essbare Pilz, der dem Grünen Knollenblätterpilz gleicht? Hätten wir nicht schon längst via Internet entsprechende Hinweise erhalten?
Natürlich gibt es in Deutschland und vermutlich auf der ganzen Welt essbare Pilzarten, die man mit dem Grünen Knollenblätterpilz verwechseln kann – wenn man die Bestimmungsmerkmale seiner gesuchten Speisepilze sowie der wichtigsten Giftpilze nicht genau kennt und gegebene Unterschiede ignoriert.
Eine Bestimmung nur auf die Hutfarbe abzustellen reicht eben nicht aus – aber dazu muss man kein Pilzspezialist sein.

Ein russisches Pilzbuch von 1974 (252 Seiten, farbige Frkp.-Zeichnungen, Beschreibungen, Mikrozeichnungen, meist Sporen, Basidien, Zystiden) weist den Grünen Knollenblätterpilz (Amanita phalloides), den Frühlingsknollenblätterpilz (A. verna) und den Kegelhütigen Knollenblätterpilz (A. virosa) als ebenso giftig aus, wie entsprechende Champignons, Täublinge usw. als Speisepilze.
Grüne Knollenblätterpilze und die ebenso giftigen weißen Verwandten sind auch im russischsprachigen Sprachraum als Giftpilze seit langem bekannt.

Es gibt allerdings auch Pilzsammler, denen die traditionellen Bestimmungsmerkmale überhaupt nichts sagen. Anlässlich der Vergiftung eines Südosteuropäers mit dem Grünen Knollenblätterpilz wurde der Patient befragt, mit welcher Art er den Knollenblätterpilz verwechselt habe. Seine Antwort: „Ich habe ihn nicht verwechselt! Wir riechen am Pilz: Riecht er gut, probieren wir ihn. Wenn er gut schmeckt, kommt er in die Pfanne. Das haben wir immer schon so gemacht.“ Immerhin hatte es der Patient mit der Methode auf 70 Lebensjahre gebracht.

Dies soll bitte nicht als Schelte an den Personen aufgefasst werden, die sich vergiftet haben. Vielmehr geht es darum, die Legende vom „nahezu identischen Doppelgänger“ als simple Erklärung für die Vergiftungen endlich ad acta zu legen und sie nicht immer wieder aufs Neue zu verbreiten. Es ist nicht der heimtückische Pilz, sondern es sind Unkenntnis, verlorengegangene Kenntnisse, Ignorieren von Merkmalen, Leichtsinn, möglicherweise auch Nachahmung des Sammelns ohne Hintergrundwissen, die in die Katastrophe führen. An diesen Defiziten zu arbeiten, das ist die schwierige Aufgabe für alle, die sich hier angesprochen fühlen.

Zur Aufklärung wurden Warnplakete in verschiedene Sprachen übersetzt. Bitte helfen Sie mit, diese an geeigneten Orten aufzuhängen.

Bilder

Grüner Knollenblätterpilz im Wachstum

Grüner Knollenblätterpilz im Wachstum | Bild: Harry Andersson

Grüner Knollenblätterpilz ausgewachsen

Grüner Knollenblätterpilz ausgewachsen | Bild: Harry Andersson