Die Eichenrotkappe, der erste Pilz des Jahres | Foto: Andreas Kunze

Seit 1994 wählt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie alljährlich den „Pilz des Jahres“. Die präsentierte Art soll stellvertretend für alle Pilze den Blick der Öffentlichkeit auf die wichtige Bedeutung der Pilze für unser Ökosystem richten.

Gewöhnliche Stinkmorchel (Phallus impudicus)

Gewöhnliche Stinkmorchel, Leichenfinger
Phallus impudicus Linnaeus 1753

Die Gewöhnliche Stinkmorchel (Phallus impudicus) wächst aus einem eiförmigen bis kugeligen Hexenei. Bei Reife verflüssigt sich die Sporenmasse an der Spitze und beginnt nach Aas zu stinken. Das lockt Insekten an. Die Fruchtkörper sind für die kleinen Tiere Nahrung, Unterkunft und Jagdrevier. Im Gegenzug verteilen sie die Sporen des Pilzes im Umkreis.

Zwei junge Grüne Knollenblätterpilze mit sackartig umhüllter Stielbasis

Grüner Knollenblätterpilz, Grüner Gift-Wulstling
Amanita phalloides (Vaill. ex Fr. 1821) Link 1833

Die meisten tödlichen Pilzvergiftungen in Mitteluropa gehen auf den Grünen Knollenblätterpilz zurück. Schon der Verzehr von 50 Gramm eines Pilzfruchtkörpers kann tödlich enden. Denn die darin enthaltenen lebergiftigen Amatoxine verursachen ohne medizinische Versorgung ein mehrfaches Organversagen.

Wiesen-Champignons mit rosa Lamellen unter dem Hut

Wiesen-Champignon, Feld-Egerling
Agaricus campestris L. 1753

Mit dem Wiesen-Champignon stellt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie den wild wachsenden Verwandten des Zucht-Champignons als „Pilz des Jahres 2018“ vor. Der weit verbreitete Wiesen-Pilz verliert leider durch die intensive Grünlandnutzung mit immensen Stickstoffüberschüssen in Deutschland viele seiner Lebensräume.

Das Judasohr besiedelt vor allem Schwarzen Holunder. Die elastischen Fruchtkörper erinnern an Ohrmuscheln.

Judasohr, Holunderpilz
Auricularia auricula-judae (Bull.) Wettst. 1886

Die Deutsche Gesellschaft für Mykologie hat das Judasohr zum „Pilz des Jahres 2017“ gewählt. Der Speisepilz hat die Form einer Ohrmuschel und ist auch für unerfahrene Pilzsammler leicht zu bestimmen. Da der Fruchtkörper mehrfach komplett austrocknen und wieder aufquellen kann, regt das Judasohr dazu an, sich mit der Ökologie der Pilze zu beschäftigen.

Die Intensivierung und Bebauung von Grünland machen dem Lilastiel-Rötelritterling zu schaffen.

Lilastiel-Rötelritterling, Masken-Ritterling
Lepista personata (Fr.) Cooke 1871

Mit dem Lilastiel-Rötelritterling stellt die Deutsche Gesellschaft für Mykologie einen „Pilz des Jahres“ vor, für dessen Erhalt Deutschland eine besondere Verantwortung trägt. Der attraktive Pilz kommt verbreitet vor, hat aber durch die fortschreitende Grünlandintensivierung schon viele seiner Lebensräume verloren.

Die Becherkoralle ist auf das Totholz von abgestorbenen Baumstämmen angewiesen.

Becherkoralle, Kandelaberkoralle
Artomyces pyxidatus (Pers.) Jülich 1982

Licht und Schatten der Klimapolitik: Die zunehmende Nutzung von abgestorbenem Holz aus den Wäldern zum Heizen schont die Vorräte an fossilen Brennstoffen, aber sie reduziert den natürlichen Lebensraum für viele wichtige und auch seltene Organismen. Um auf dieses Dilemma hinzuweisen, hat die Deutsche Gesellschaft für Mykologie (DGfM) die Becherkoralle zum „Pilz des Jahres 2015“ gewählt.

In den Fruchtkörpern des Tiegel-Teuerlings liegen linsenförmige Sporenpakete.

Tiegelteuerling
Crucibulum laeve (Huds.) Kambly 1936

Die DGfM möchte mit der Wahl des Tiegelteuerlings zum „Pilz des Jahres 2014“ auf die große Bedeutung der Pilze in den natürlichen Stoffkreisläufen aufmerksam machen. Es sind in erster Linie die oft im Verborgenen wirkenden Fadenwesen, die mit ihren Enzymen abgestorbene, organische Stoffe wie Holz, Blätter oder Nadeln remineralisieren und somit wieder für die Pflanzenwelt verfügbar machen. Ohne diese Ökosystemleistung der Pilze würde in kürzester Zeit die gesamte Nahrungskette zusammenbrechen.

Der Braungrüne Zärtling riecht nach „Mäuseklo“ und verfärbt auf Druck blau-grün.

Braungrüner Zärtling, Braungrüner Rötling
Entoloma incanum (Fr.) Hesler 1967

Der Braungrüne Zärtling kann in vielen Bereichen Deutschlands, Europas und darüber hinaus entdeckt werden. Neben seinen prächtigen Farben hat er auch einen sehr markanten Geruch nach verbranntem Horn oder Mäusekot, den seine Finder noch lange im Gedächtnis behalten. Als Lebensräume sind basenreiche, aber stickstoffarme Magerwiesen bekannt, die in unserer durch intensive Landwirtschaft überdüngten Landschaft leider stark beeinträchtigt sind. Der EU-geförderte Energiepflanzenanbau gefährdet auf diese Weise noch die letzten Lebensräume von Tausenden Pflanzen-, Pilz- und Tierarten.

Der unscheinbare Graue Leistling lebt mit diversen Laubbäumen in Symbiose.

Grauer Leistling, Graue Kraterelle
Cantharellus cinereus (Pers.) Fr. 1821

Ein unscheinbarer Geselle ist der Graue Leistling. Mit seinen graubraunen Tarnfarben ist er schwer im Herbstlaub auszumachen. Es sei denn, er wächst zwischen gelb verfärbten Hainbuchenblättern, wie auf unserem wunderschönen Bild des Pilzfotografen und Hobby-Mykologen Marco Gebert. Mit seinem trichterförmigen Hut, den grauen Leisten auf der Hutunterseite und dem braunen Stiel ähnelt er dem Trompeten-Pfifferling. Der Fachmann erkennt schon anhand des lateinischen Namens „Cantharellus cinereus“, dass der Graue Leistling tatsächlich mit dem Pfifferling verwandt ist.

Der Rote Gitterling lockt mit Aasgeruch Insekten zur Sporenverbreitung an.

Roter Gitterling
Clathrus ruber P. Micheli ex Pers. 1801

Mit seinem geradezu außerirdischen Aussehen gehört der Rote Gitterling zu denjenigen Pilzen, die nicht zu übersehen sind. Seine fleischrote Gitterkugel schiebt sich etwa Tennisball groß aus einer schmutzig eierschalenfarbigen Hülle, dem Hexenei. Der Gitterkugel entströmt nach ihrer Entfaltung ein aasartiger Geruch, der Fliegen anlockt. Diese Kreatur sieht eher aus wie ein Alien aus einem Science-Fiction-Horrorfilm. Ist das überhaupt ein Pilz? Wenn ja, warum sieht er so aus und warum stinkt er so bestialisch? Ist er giftig oder sogar gefährlich? Lockt er die Fliegen an, um sie zu fressen wie eine fleischfressende Pflanze? Die Phantasie projiziert in uns bei der Betrachtung des Roten Gitterlings Angst und Ekel, aber auch Interesse und Bewunderung.

Der Bestand der Schleiereule wird durch den Rückgang naturnaher Wälder bedroht.

Schleiereule, Eulenauge, Blaugestiefelter Schleimkopf
Cortinarius praestans (Cord.) Gill. 1874

Die Schleiereule ist eine leicht kenntliche Art aus der in Mitteleuropa mit weit über 700 Arten vertretenen Gattung der Schleierlinge. Sie ist in weiten Gebieten Deutschlands recht selten und fehlt in Norddeutschland völlig. Mit über 20 cm Hutbreite ist die Schleiereule nicht nur die größte Art der Gattung; sie ist auch sehr wohlschmeckend und in der Schweiz und in Frankreich ein beliebter Marktpilz. Schwermetallbelastung der Fruchtkörper und die Möglichkeit der Verwechslung mit anderen hochgiftigen Schleierlingsarten lassen die Schleiereule jedoch in einem zweifelhaften Licht erscheinen. Vom Sammeln zu Speisezwecken ist deshalb dringend abzuraten.

Durch die indigofarbenen Fruchtkörper ist der Blaue Rindenpilz unverkennbar.

Blauer Rindenpilz
Terana caerulea (Lam.) Kuntze 1891

Krustenförmig wachsende Pilze aus der künstlichen Sammelfamilie der Corticiaceae sind nicht jedermanns Sache. Ihre Bestimmung kann in den allermeisten Fällen nur mikroskopisch bewerkstelligt werden. Zudem sind Corticiaceae oft recht unscheinbar und von ihrem Aussehen her unattraktiv. Den Blauen Rindenpilz kann man jedoch schon aufgrund seiner wunderschönen indigofarbenen Fruchtkörper einfach nicht übersehen. Der Altmeister unter den Corticiologen, der Schwede John Eriksson, sagt vom Blauen Rindenpilz: „Es ist die Corticiacee, die am einfachsten zu erkennen ist“.

Aufgrund der dunklen Hutfarbe wird der Bronze-Röhrling auch Schwarzhütiger Steinpilz genannt.

Bronzeröhrling, Schwarzhütiger Steinpilz
Boletus aereus Bull. 1789

Der Bronzeröhrling, auch Schwarzhütiger Steinpilz genannt, ist ein stattlicher Pilz aus der Verwandtschaft der Steinpilze. Mit ihm soll auf eine seltene und damit in ihrem Bestand gefährdete Pilzart aufmerksam gemacht werden. Der Gewöhnliche Steinpilz (Boletus edulis) ist bei entsprechender Witterung in unseren Wäldern leicht zu finden, und er ist das Objekt der Begierde jedes Pilzsammlers. Einen Bronzeröhrling zu entdecken, ist hingegen eine echte Glückssache. Er gehört zu den schönsten Überraschungen, die ein Pilzfreund auf seinen Streifzügen durch unsere Wälder erleben kann.

Die Puppen-Kernkeule fruktifiziert an verpuppten Insektenlarven.

Puppenkernkeule
Cordyceps militaris (L.) Fr. 1818

Orangegelb leuchtet ein keulenförmiger Pilz im Grün der Wiese. Nur wenige Zentimeter ist er groß, fast hätten wir ihn übersehen. Ist es eine Keule der Familie Clavariaceae, also ein Ständerpilz (Basidiomycota)? Nein, das kann nicht sein, denn wir sehen die Öffnungen von dicht unter der Oberfläche liegenden Kammern (Perithecien), die angefüllt sind mit mikroskopisch kleinen Sporenschläuchen (Asci). Es handelt sich also um einen Schlauchpilz (Ascomycota). Vielleicht ist es ein Holzkeulenpilz? Holzkeulenpilze (Xylariales, Ascomycota) sind jedoch normalerweise schwarz und, wie ihr Name schon sagt, sie leben auf Holz. Vielleicht wächst unser Pilz auf im Boden vergrabenem Holz? Wir schauen nach. Mehr oder weniger gut erkennbar finden wir an der Basis des Stiels im Boden verborgen eine tote, durch Fäden des Pilzes mumifizierte Schmetterlingspuppe. Wir haben es mit einem parasitischen Pilz zu tun, der als kleine, Pilzfäden bildende Spore in lebende Insekten eindringt, die Tiere abtötet und die Kraftstoffe des Insektenkörpers für die Entwicklung keulenförmiger Fruchtkörper nutzt. Es handelt sich um die Puppenkernkeule (Cordyceps militaris).

Ästiger Stachelbart, Buchenstachelbart, Eiskoralle
Hericium coralloides (Scop.) Pers. 1794

Wer das Glück hat, ihn zu finden, bleibt erstaunt stehen und überlegt: Wie kommen diese Korallen bloß hierher, in diesen deutschen Buchenwald? Bizarr geformt, unendlich verzweigt und blendend weiß – so wie sie sonst nur in einem Südseeatoll anzutreffen sind; hier thronen sie aber auf einem alten, dicken, halb vermoderten Buchenstamm? Es ist ein Pilz!
Oftmals erreicht er mehr als 20 cm im Durchmesser, er entspringt einem dicken Strunk, verzweigt sich in immer feinere Äste, an denen sich seine Sporen bilden. Jedes kleine Ästchen bildet Hunderte davon. Sie sind es, die wiederum an alten Buchen auskeimen, ein feines Geflecht, ihr Myzel, im Holz bilden und den Stamm vermorschen lassen.

Bei feuchter Witterung öffnet sich die Außenhülle des Wettersterns sternförmig.

Wetterstern
Astraeus hygrometricus (Pers.) Morgan 1889

Eine zuverlässige Wettervorhersage ist ein alter Menschheitstraum. Jahrhunderte lang vertraute man auf den bekannten „Wetterfrosch“ im Glas, auf Fichtenzapfen, die ihre Schuppen spreizen, auf hoch oder tief fliegende Schwalben – und auf einen sternförmigen Pilz, dem man den ehrenvollen Namen Wetterstern verlieh.
Der Wetterstern wächst zunächst als unterirdische Kugel mit einer zweischichtigen Hülle heran, die sich – kaum aus dem Boden lugend - in eine äußere und eine innere Schicht aufspaltet. Das sternförmige Aufreißen reifer Fruchtkörper wird von der Luftfeuchtigkeit gesteuert: Bei feuchter Witterung löst sich die äußere Schicht von der inneren, reißt sternförmig auf und hebt den eigentlichen Sporenbehälter, eine dünnhäutige Kugel mit kleiner, zentraler Öffnung, empor. Trockene Luft kehrt den Vorgang um: Die „Arme“ des Wettersterns schließen sich wieder um den Sporenbehälter.

Echter Hausschwamm, Tränender Hausschwamm
Serpula lacrymans (Wulfen) P. Karst. 1884

Seit jeher gehört der Echte Hausschwamm zu den gefürchtetsten Schädlingen in Gebäuden, gebärdet er sich doch nicht selten unberechenbar, selbst in Fällen, wenn er schon erfolgreich bekämpft schien. Schon 1789 wird im Allgemeinen Magazin für die bürgerliche Baukunst „Von der Verhütung und Vertilgung des laufenden Schwammes in dem Holzwerke der Gebäude“ berichtet. 1866, 1885 und 1912 erschienen umfangreiche Abhandlungen über Leben, Vorkommen und die zerstörerische Wirkungsweise des Pilzes, und auch heute noch wird an ihm geforscht.

Papageigrüner Saftling (Hygrocybe psittacina) | Foto: Rosemary Winnall, commons.wikimedia.org, CC-BY-SA 2.5

Papageigrüner Saftling, Papageiensaftling
Hygrocybe psittacina (Schaeff.) P. Kumm. 1871

Die bunten Saftlinge wurden bereits als „Orchideen unter den Pilzen“ gezeichnet: Knallrote, rosafarbene, gelbe, violette, braune, graue und weiße Arten gibt es – und eben ihn, den „papageigrünen“. Er ist ein exotisch anmutender Pilz mit feucht glänzend-grünem Hut, der im Alter oft ins Gelbliche ausblasst und selten breiter als 5 cm wird; mit gelben Lamellen und einem glatten, tiefgrünen bis ocker-orangefarbenen Stiel, der wie der Hut bei Feuchtigkeit schmierig-schleimig ist. Für den Kochtopf ist er dagegen nicht geeignet.

Das im Orangefuchsigen Raukopf enthaltene Orellanin zerstört die Nieren.

Orangefuchsiger Raukopf, Orangefuchsiger Schleierling
Cortinarius orellanus Fr. 1838

Er gehört nicht zu den auffälligen Pilzen im Lande, und er kommt auch nicht überall vor. Dennoch sollte ihn jeder kennen, der beim Sammeln von Speisepilzen keine unliebsamen Überraschungen erleben will: Der Orangefuchsige Raukopf (Cortinarius orellanus) ist einer der gefährlichsten Giftpilze Europas und rangiert auf der Skala der lebensbedrohenden Arten gleichauf mit den gefürchteten Knollenblätterpilzen.