Der Wolfgang-Beyer-Preis 2019 wurde den beiden Merseburger Mykologen für ihre Verdienste in der Pilzkartierung während der 3. Boletus-Tagung 2019 in Bad Blankenburg verliehen.

 

Laudatio von Udo Richter

Als ich zum ersten Mal von dem Auszeichnungsvorschlag hörte gefiel mir sofort, dass Ulla und Gunnar den Wolfgang-Beyer-Preis für herausragende Verdienste um die Pilzkartierung gemeinsam erhalten sollten. Beide Merseburger sind sowohl privat, als auch mykologisch ein Team, sodass es ungerecht gewesen wäre, nur eine oder einen der beiden auszuzeichnen. Dem unermüdlichen Engagement beider ist zu verdanken, dass die mykologische Kartierung in Sachsen-Anhalt inzwischen ein hohes Niveau erreicht hat.

Ulla Täglich kenne ich bereits seit 1978, als wir mit weiteren Merseburger Pilzfreunden in die soeben vom Leunaer Pilzsachverständigen Rudolf Sowada gegründete Fachgruppe Mykologie Merseburg eintraten. Gunnar Hensel begegnete mir zum ersten Mal 1998, als Ulla bei einem Fachgruppenabend einen jungen Mann vorstellte, der uns zunächst zu verstehen gab, das ihn eigentlich die Botanik interessiere und er mit den Pilzen noch relativ wenig anfangen könne. Beide hatten sich gut ein Jahr vorher kennengelernt, als Gunnar zur Besprechung einiger Fragen über die Salzwiesenvegetation des Merseburger Umfeldes Ullas Vater, den früheren Kreis- und Bezirksnaturschutzbeauftragten Hans Günther Täglich in Merseburg aufsuchte.

Nach dem Eintritt in die Merseburger Fachgruppe im Jahr 1978 wurde Ulla schnell eine Stütze der Gruppe, die durch solide Pilzkenntnisse auffiel. Im Jahr 1988 legte sie bei der damaligen Bezirkspilzsachverständigen des Bezirkes Halle Ute Nothnagel die Prüfung ab und ist seit dem als Pilzsachverständige in Merseburg tätig. Seit 1994 ist Ulla Mitglied des Landesverbandes der Pilzsachverständigen Sachsen-Anhalts und seit 2009 Ehrenmitglied des Verbandes.

1988 übernahm Ulla die Führung der mykologischen Fundortkartei des Kreises Merseburg und legte damit die ersten Grundlagen für ihre späteren umfangreichen Kartierungen. Auf verschiedenen zentralen Tagungen und nicht zuletzt durch die Teilnahme an der Exkursion des Zentralen Fachausschuss (ZFA) Mykologie der DDR in die Mongolei gemeinsam mit herausragenden Mykologen, wie Uwe Braun, Heinrich Dörfelt, Frieder Gröger und Gerhard Zschieschang erhielt sie weitere Anregungen für die Durchführung von Kartierungsprojekten in größerem Umfang. 1988 wurde sie Mitglied und Kartierungsverantwortliche des Bezirksfachausschusses Mykologie des Bezirkes Halle.

Ein Vortrag der Berliner Myxomycetenspezialistin Heidi Marx auf der im gleichen Jahr durchgeführten zentralen Tagung in Karl-Marx-Stadt weckte das Interesse von Ulla an den Schleimpilzen. Nach einigen Jahren intensiver Einarbeitung wurde sie selbst zur Spezialistin für diese Organismengruppe. Ihr umfangreiches Myxomycetenherbarium mit fast 2.000 Belegen von über 210 Arten ist einmalig für Sachsen-Anhalt und für jeden Interessierten eine Augenweide.

Nach der politischen Wende nahm Ulla 1991 gemeinsam mit Heinrich Dörfelt im Naturschutzseminar Gut Sunder an der Erarbeitung der ersten Roten Liste der Pilze des inzwischen vereinigten Deutschlands teil, die 1992 fertiggestellt werden konnte. Danach folgten u. a. federführend die Erarbeitung der Roten Listen Sachsen-Anhalts und 1993 beginnend, die Arbeiten an der Checkliste der Pilze von Sachsen-Anhalt, die 1998 abgeschlossen werden konnten. Um diese Zeit erfolgten erste Zuarbeiten zu den Arten-und Biotopschutzprogrammen des Landes Sachsen-Anhalt, ebenfalls in Gemeinschaft mit vielen Freizeitforschern.

Kurz davor war es 1997 zu der bereits geschilderten ersten Begegnung mit ihrem zukünftigen Lebenspartner Gunnar Hensel gekommen. Nach der schnellen Einarbeitung in die Mykologie förderte Gunnar die nachfolgenden, oft mit einem enormen Zeitaufwand verbundenen Projekte des LFA Mykologie Sachsen-Anhalt. Auf Grundlage der Checkliste konnte schließlich 2009 von Ulla, unterstützt durch viele Mitarbeiter, die „Pilzflora von Sachsen-Anhalt“ fertiggestellt werden. Bei diesem umfangreichen Werk, dessen Erarbeitung viele Jahre in Anspruch genommen hatte, unterstützte Gunnar als Leiter des Redaktionsteams seine Lebenspartnerin in vielfältiger Weise. Mit Hilfe, Zuspruch und Mahnung mussten die Projektmitarbeiter von beiden bei der Stange gehalten werden, ein nicht ganz leichtes Unterfangen. Schließlich hatte Ulla in einem großen Kautschuk herstellenden Betrieb als Diplomchemikerin und Schichtleiterin „nebenbei“ eine verantwortungsvolle berufliche Tätigkeit.

2014 übernahm Ulla die Leitung der Merseburger Fachgruppe und auch bei dieser Tätigkeit macht sich die Zusammenarbeit mit Gunnar überaus positiv bemerkbar.

Gunnar Hensel, Diplomlehrer für Biologie und beruflich an der Kreisvolkshochschule Saalekreis als Bildungsmanager tätig, fand nachdem er Ulla kennengelernt hatte Gefallen an der Mykologie und spezialisierte sich durch seine Zusammenarbeit mit dem Freyburger Mykologen Manfred Huth auf die Bearbeitung der anspruchsvollen Gattung Cortinarius und auf hypogäisch wachsende Pilze. Besonders bei den Hypogäen wurde er bald zu einem gefragten Ansprechpartner in Deutschland. Diese Pilzgruppe wuchs schnell von zuvor wenigen in Sachsen-Anhalt nachgewiesenen Arten auf ca. 120 Arten an, darunter einige Neubeschreibungen durch Gunnar, wie eine zu Ehren seines Mitstreiters benannte Hymenogaster huthii. Besonders für die Fortschritte bei der Bearbeitung der hypogäischen Pilze erhielt Gunnar 2014 die Ehrennadel des Landes Sachsen-Anhalt.

Seit 2001 ist Ulla Landeskoordinatorin für die Pilzkartierung in Sachsen-Anhalt und Gunnar ihr Stellvertreter. Vor allem die Einführung des Kartierungsprogramms MykIS ab 2009 gab der Kartierung in Sachsen-Anhalt großen Auftrieb. Durch Vorträge und Übungen erleichterte Gunnar vielen Pilzfreunden den Einstieg in das Programm und auch ein Großteil der Datensätze wurde von ihm und Ulla in das Kartierungsprogramm eingegeben. Gunnar machte sich dabei besonders um das Auffinden von Belegen aus Sachsen-Anhalt in Herbarien, Archiven und Museen sowie deren Deutung und Einarbeitung verdient. Die Datenbank Sachsen-Anhalt enthält inzwischen 308.000 Datensätze von 6.247 Arten.

Der Wolfgang-Beyer-Preis für Verdienste in der Pilzkartierung wurde den beiden Merseburger Mykologen während der 3. Boletus-Tagung 2019 in Bad Blankenburg durch die DGfM verliehen. Die Laudatio hielt Frank Dämmrich und starker Beifall bestätigte, dass die Auszeichnung von Ulla und Gunnar mehr als verdient war.

 

Veröffentlicht in den DGfM-Mitteilungen 2020/1

Bilder

Auszeichnung von Ulla Täglich und Gunnar Hensel mit dem Wolfgang-Beyer-Preis in Bad Blankenburg am 12.10.2019

Auszeichnung von Ulla Täglich und Gunnar Hensel mit dem Wolfgang-Beyer-Preis in Bad Blankenburg am 12.10.2019 | Bild: Christian Stussak