Fressen und gefressen werden: ein Champignon als Nahrungsquelle. | Foto: Rita Lüder

Von allen Lebensformen mit einem echten Zellkern sind Pilze am weitesten verbreitet. Im Wasser und auf dem Land haben sich Pilze selbst in äußerst lebensfeindlichen Habitaten angesiedelt. Entsprechend vielfältig sind ihre Rollen in den unterschiedlichen Ökosystemen.

Symbionten, Parasiten und Folgezersetzer

Zahlreiche Pilzarten leben in einer direkten Wechselbeziehung mit anderen Lebewesen: Tieren, Pflanzen, anderen Pilzen oder Bakterien. Neben symbiontischen Beziehungen, bei denen beide oder mehrere der beteiligten Partner profitieren, gibt es Parasitismus, Kommensalismus (eine gemeinsame Existenz, deren Vor- oder Nachteile für die einzelnen Partner nicht erkennbar sind) und eine saprobiontische Lebensweise (Verwertung von totem organischem Material). Viele Pilze sind völlig von ihren Symbiosepartnern oder Wirten abhängig, aber auch viele Tiere und Pflanzen brauchen „ihre“ Pilze zum Überleben.

Eine herausragende Rolle in den Ökosystemen nehmen die Mykorrhizen ein – Symbiosen zwischen Pilzen und Pflanzen, bei denen die Pilze von den durch Pflanzen erzeugten Zuckerverbindungen profitieren, die Pflanzen wiederum von Wasser und Mineralstoffverbindungen, die von Pilzen geliefert werden. Wälder, Wiesen und auch Ackerflächen könnten ohne Mykorrhizen nicht existieren. Pilze unterstützen auf diese Weise „Primärproduzenten“, also Lebewesen, die mittels Photosynthese die Lebensgrundlage für Tiere und damit auch für uns Menschen schaffen.

Viele Tierarten bedürfen für ihre Ernährung einer Kooperation mit Pilzen. Im Verdauungstrakt pflanzenfressender Wirbeltiere, wie dem unserer Kühe, helfen mikroskopisch kleine, einzellige Pilze aus der Verwandtschaft der Vielgeißelpilze (Neocallimastigomycota), schwerverdauliches Gras zu verwerten.

http://animals.mom.me/organisms-cows-digest-food-7985.html

Die Konsequenz für uns Menschen ist, dass Getreide- und Obstbau, Waldwirtschaft und Milchwirtschaft direkt von den Ökosystem-Dienstleistungen der Pilze abhängig sind.

Im tropischen Amerika leben Ameisenarten, die in unterirdischen Bauten Blätter kompostieren, auf ihnen Pilze züchten und dann von speziellen Organen dieser Pilze leben. Eine ähnliche Lebensgemeinschaft findet man bei Termiten in Afrika. Auch viele in Holz lebende Käfer nutzen die Hilfe von Pilzen, um ihrer Brut unverdauliche Substanzen aus dem Holz zu erschließen.

Parasiten schmarotzen auf anderen Lebewesen, ohne ihrem „Wirt“ eine Gegenleistung dafür zu erbringen. Ihre Rolle im Ökosystem besteht in der Dezimierung von dominanten Arten, wodurch konkurrenzschwächere Lebewesen bessere Überlebenschancen haben. Damit regulieren Parasiten die Artzusammensetzung und fördern die Artenvielfalt. Da Wirt und Parasit in einer engen Wechselbeziehung leben und sich miteinander ständig weiterentwickeln, sind Parasiten auch Antrieb für die Evolution.

Die Grenze zwischen Schmarotzern und Folgezersetzern, also Parasiten und Saprobionten, ist im Pilzreich nicht eindeutig und zeigt viele Übergänge. Ein Beispiel ist der Zunderschwamm mit seinen mehrjährigen Fruchtkörpern. Er kann sein Dasein als Parasit auf Rotbuche oder Birke beginnen und noch viele Jahre, nachdem der Baum abgestorben ist, auf ihm weiterwachsen. Er verusacht eine Weißfäule und verwandelt das Holz langsam in Humus.

Der Parasitische Scheidling befällt Nebelkappen. | Foto: Rita Lüder

In Naturwäldern Skandinaviens und der Ukraine fügt sich der bei uns als gefürchteter Baumschädling betrachtete Hallimasch problemlos in das Ökosystem ein. Dort ist er nahezu ausschließlich an alten und geschwächten Bäumen zu finden. Werden auf weiten Flächen, wie in Deutschland oft geschehen, Nadelbäume wie Tannen, Wald-Kiefern und Fichten außerhalb ihres natürlichen Verbreitungsgebiets angepflanzt, die an diese Standorte schlecht angepasst sind, ist die entstandene Monokultur leichte Beute für Parasiten. Dies betrifft auch Monokulturen im Acker- und Gartenbau. Auch Störungen des ökologischen Gleichgewichts durch Umweltbelastungen können Parasiten verschiedener Gruppen begünstigen.

Pilze schmarotzen nicht nur auf Pflanzen, sondern auch auf anderen Pilzen. So parasitiert der Schmarotzer-Röhrling (Pseudoboletus parasiticus) Kartoffelboviste. Die Zwitterlinge (Asterophora-Arten) wachsen direkt auf Täublingen oder Milchlingen und der Parasitische Scheidling (Volvariella surrecta) auf Nebelkappen. Diese Parasiten verhindern die Sporenreifung des Wirtes und fügen ihm auf diese Weise Schaden zu.

Auch Insekten können Wirte für pilzliche Parasiten sein, z. B. für die auf vergrabenen Puppen von Schmetterlingen lebende Orangegelbe Puppenkernkeule (Cordyceps militaris) oder ihren Verwandten, Ophiocordyceps unilateralis, der als „Zombipilz, der das Gehirn der Ameisen steuert“ Schlagzeilen gemacht hat. Er ist im brasilianischen Regenwald beheimatet und entwickelt sich in den Ameisen, die daraufhin ihr Verhalten ändern.

Schaffung von Lebensräumen und Futter für andere Lebewesen

Porlinge sind ein Lebensraum für Insekten, wie hier für die Pilzgallenfliege. | Foto: Rita Lüder

Viele der holzabbauenden Pilzarten, etwa die großen Porlinge, die alte, noch lebende Bäume abbauen, schaffen dadurch Baumhöhlen, die z. B. für große Insekten wie Bockkäfer lebensnotwendig sind. Auch seltene Vogel- oder Fledermausarten können hier Unterschlupf finden. Die Fruchtkörper von Großpilzen können selbst eigene Lebensräume bilden, in denen vor allem Kleinlebewesen wie Springschwänze und Insekten leben. Es gibt dabei Spezialisten, wie die Pilzgallenfliege Agathomyia wankowiczii, die in den Fruchtkörpern des Flachen Lackporlings (Ganoderma applanatum) lebt.

In den Tropen schaffen Schwindlings-Arten (Marasmius sp.) in Regenwäldern eigene Lebensräume mit Hilfe ihrer Rhizomorphen – fädige Auswüchse, die netzartige Strukturen bilden können. Die Pilze wachsen auf Ästen in großer Höhe und die gebildeten „Pilz-Netze“ fangen Falllaub auf und bilden so eine Streuschicht, die vielen Kleinlebewesen Schutz und Nahrung bietet.

http://blogs.discovermagazine.com/notrocketscience/2011/12/21/the-rainforest-mezzanine-a-vital-layer-of-fallen-leaves-held-aloft-by-fungal-nets/#.WErVaH0atv4

Die Fruchtkörper von Pilzen sind wichtige Nahrungsquellen für Säugetiere, Insekten, andere Arthropoden und Schnecken. Auch unterirdisch gebildete Fruchtkörper wie verschiedene Trüffeln (Tuber-Arten, Hirschtrüffeln der Gattung Elaphomyces) sind in diesem Zusammenhang wichtig und spielen in der Nahrungskette eine große Rolle. Die Tiere „revanchieren“ sich durch die Verteilung der Pilzsporen.

Bodenverbesserung

Pilzmyzelien sind ein wichtiger Bestandteil der Biomasse in Böden. In etwa 1 kg landwirtschaftlich genutzten Bodens kann die Gesamtlänge der Myzelien bis zu 300 m betragen, in der Streu von Waldboden bis zu einigen Kilometern. Pilzhyphen können Stoffe ausscheiden (Exopolysaccharide wie Glomalin), die Bodenpartikel verkleben und so für eine bessere Wasserbindekapazität und bessere Resistenz gegen Erosion sorgen. Bei der Bodenbildung kommt manchen auf Gestein oder Erde lebenden Flechten eine wichtige Rolle zu: Sie sondern Flechtensäuren ab, die Gestein teilweise auflösen können und Mineralverbindungen freisetzen.

Pioniere und Primärproduzenten

Flechten sind Symbiosen zwischen einem Pilz und einer Alge und/oder einem Cyanobakterium. Sie können sehr lebensfeindliche Gebiete wie Wüsten oder Hochgebirge besiedeln. Keiner der Partner könnte in diesen Habitaten allein überleben – nur die Symbiose macht es möglich: Der Pilz bietet mit seinen Hyphen der Alge Schutz vor Trockenheit, Kälte, Hitze und starker UV-Strahlung. Die Alge kann dadurch mit sehr geringen Wassermengen überleben und produziert Zucker über Photosynthese, was den Pilz ernährt. So wird diese Symbiose zum Primärproduzenten und Pionier in lebensfeindlicher Umwelt. Viele Klein- und Kleinstlebewesen können Flechten besiedeln und finden so ebenfalls einen sonst unzugänglichen Lebensraum.